Von Thea König
Jeder hat Ängste, große, kleine, bekannte und unbekannte.
Das was mein Herz zum Klopfen bringt, auf diese ganz bestimmte Weiße – die zieht und Sticht, ist etwas, dass vermutlich kaum jemand kennt.
Ich habe Angst vor Vorstellungsrunden, vor neuen Orten, vor neuen Menschen. Vor dem Moment, wenn ich nach Persönlichen Informationen gefragt werde.
Und wenn viele Menschen Angst vor Veränderungen und Neuem haben, habe ich keine Angst vor dem neuen Ort, oder den neuen Menschen. Ich habe Angst mich Entscheiden zu müssen, wer ich bin. Wer ich an diesem Ort sein möchte.
Bin ich, ich selbst? Thea, 23 Jahre, Alltagsperson eines DIS Systems, oder bin ich die Hülle, Eine Rolle? Mia, 22 Jahre, Krankgeschrieben.
Als Thea bin ich ich, ich kann die Antworten geben, die richtig sind. Aber irgendwann kommt immer ein Punkt, an dem die Antworten seltsam sind, da sie für andere Verhältnisse gelten. Für ein anderes Umfeld, als mein Gegenüber denkt.
Gehe ich als Mia hin, verstelle ich mich von Anfang an. Nichteinmal der Name ist mir. Falsches Alter, falsche Fakten zu falschem Namen. Rechtlich richtig. Emotional, falsch.
Als ich diesen Beitrag angefangen habe, saß ich gerade in einem Sitzsack im Gemeindehaus. Im Beisein einer Jugendgruppe, die ich an dem Tag kennenlernen sollte. Ich wurde unterbrochen beim Schreiben, als ich versuchte meine Angst zu kanalisieren, in Worte zu fassen. Ich musste mich vorstellen und ich tat das, was sich für mich richtiger anfühlte. Ich stellte mich als Thea vor. Als mich selbst. Und dennoch wusste ich, ab diesem Moment, dass ich in kürzester Zeit erzählen müsse, dass ich in einem DIS System lebe. Mich gibt es nicht ohne. Meine Antworten passen einfach nicht, ohne diese Info. Ich habe immer das Gefühl einen der wichtigsten Teile über mich zurück halten zu müssen. Das Gefühl nicht ganz ich selbst sein zu können.
Wir haben viel geredet. Ich wurde gefragt, wie ich heiße – ich sagte: Thea. Ich wurde gefragt wie alt ich bin – ich sagte 23, auch wenn mein Körper erst 2003 geboren wurde. Ich wurde gefragt, wie viele Geschwister ich habe. – ich antwortete: Zu viele. Ich wurde gefragt wie viele denn nun wirklich. – ich antwortete – Äh. Einen leiblichen Bruder und um 16 Geschwister? Ich musste raten. Konnte nicht sagen, dass ich mir nicht ganz sicher war. Konnte nicht sagen, dass ich nicht weiß wie viele es sind. Ich konnte auch nicht sagen, dass eine meiner Schwestern inzwischen meine Tochter ist. Und den Fehler, dass meine Zwillingsschwester meine leibliche Schwester sein müsste, hat zum Glück niemand bemerkt. Ich wurde gefragt, ob Thea eine Abkürzung sei. – Ich sagte Ja. Ich heiße Galathea. In meinem Kopf dachte ich mir, dass ich mich im Geflecht von Mia und Thea verstricke. Ich wurde gefragt, warum in meinem Whats App Profil Mia steht. Ich antwortete: Das sei auch mein Name. Es stimmte. Ich heiße Galathea Mia Xelia König, aber mein Körper tut das nicht.
Ich bin an dem Tag nach Hause gefahren und habe mich scheiße gefühlt. Der Tag war großartig gewesen, die Gemeinschaft hammer und dennoch war alles was blieb das Gefühl nicht ich selbst gewesen zu sein, mich verstellt zu haben. Immer auf Halb acht zu sein um zu sehen, wie ich eine Antwort an diese Welt anpassen könnte.
Die Woche drauf bin ich hin mit dem Ziel mit dem Pastor zu reden, ob Platz für die ganze Wahrheit in der Gruppe sei. Wie und Ob ich das Teilen dürfe. Wir mussten das ganze eine weitere Woche verschieben, aber es machte nichts. Wir spielten nur Spiele. Es ging um nichts persönliches. ich ging mit einem guten Gefühl.
Die Woche darauf bin ich dann endlich dazu gekommen den Pastor zu erwischen und konnte ein echt gutes Gespräch mit ihm und dann mit ihm und dem Jugendleiter führen. Einer kannte DIS, der andere nicht.
Es ist Platz dafür. Ich darf mich öffnen. Wir dürfen viele sein. Wir müssen uns nicht verstecken, oder verstellen. Und vielleicht können wir in dieser Gemeinde ankommen und offen Wechseln. Offen unterschiedlich sein. Vielleicht werden wir alle mit offenen Armen empfangen. Vielleicht finden auch die anderen endlich Freunde. Vielleicht werden wir am Ende nicht mehr ganz so alleine da stehen.
Vielleicht. Hoffentlich.
„Einer trage des anderen Last, so wird das Gesetz des Herrn erfüllt.“ Galater 6,2


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